Finkostar (2014)

Finkostar (2014)

Für Trio in 31-Ton gleichstufiger Stimmung


31-Ton Gitarre und Claviton

Die Gründung meines Sextetts war ein großer Erfolg. Jedoch war es die Freundschaft, die ich mit Georg Vogel schloss, welche diese unbezahlbar wertvoll für mich machte. Ich war schon seit ich 17 Jahre alt war an komplexer Rhythmik interessiert. Georg, neben Vijay Iyer, Avishai Cohen, Steve Lehmann, und manchen Komponisten der Neuen Musik, war ein großes Vorbild für mich, da er mit seinem Trio Flower ein kaum zu übertreffendes Niveau auf diesem Gebiet bot. Wir merkten schnell, dass wir ähnlichen Geistes waren. Keine scheu vor der Mühe, ein Thema bis in seine tiefsten Tiefen zu erforschen. Georg beschäftigte sich, als wir uns kennen lernten, schon seit geraumer Zeit mit Mikrotonalität. Ein Gebiet, welches mir zu diesem Zeitpunkt noch eher fern lag. Georgs Album „Dunst“ weckte schließlich den Ehrgeiz in mir, es zu erforschen.

Einzelne mikrotonale Intervalle und Verzierungen waren mir aus meiner Beschäftigung mit indischer und orientalischer Musik bekannt. Jedoch war die Referenz in meinem Kopf immer eine zwölftönige Skala. Ich beschäftigte mich zunächst mit der 19-Ton-gleichstufigen Stimmung, welche mir an der Gitarre gut umsetzbar schien, da die Bundabstände nicht allzu klein ausfielen. In jener sind die kleine Terz und große Sexte quasi rein, also sehr nah an 6:5 und 5:3 (0,15c) und es ist möglich, zwölftöniges Material mit der enharmonischen Differenzierung von Kreuz- und b-Vorzeichen zu interpretieren. Die 31-Ton Stimmung war mir bekannt, jedoch stellte sie für mich als Gitarrist eine kaum zu bewältigende Unterteilung der Oktave dar. Als Georg mich darüber informierte, dass er ein selbst entwickeltes Tasteninstrument plante, welches 31 Töne pro Oktave haben sollte, und mir anbot, es mit ihm zu entwickeln, war mein Interesse an der 31-Ton-Stimmung geweckt und der Beschluss, eine 31-Ton Gitarre zu bauen, gefällt. Dieses Tasteninstrument mit 31-töniger Klaviatur sollte Claviton heißen. Das Layout der Klaviatur ist wie eine Klavierklaviatur mit weißen Tasten versehen, welche die C-ionisch-Skala repräsentierten sowie dazwischenliegende schwarze Tasten, wobei diese in vier Obertasten geteilt wurden, welche in Stufen angeordnet sind. Zwischen C und H sowie E und F wurde eine weitere kleine schwarze Taste eingefügt, welche ebenfalls in zwei Stufen-Tasten geteilt ist. Unter jeder Taste ist ein Hammer, welcher mit einer darunterliegenden Saite korrespondiert. Diese ist über einen Resonanzkorpus aus Holz gespannt, der von einem Metallrahmen umgeben ist. Für die elektrische Verstärkung sorgen Magnettonabnehmer. Somit ist das Claviton eine 31-tönige Mischung aus Cembalo, Klavichord und Clavinet. Wir verbrachten viele Abende damit, das Instrument zu planen. Georg erstellte ein dreidimensionales Modell des Instruments auf seinem Computer, welches als Vorlage für den Bau diente. Der Großteil des nötigen Geldes war durch eine Förderung abgedeckt. Viele Teile konnten wir selbst mit einem 3D-Drucker drucken.

In der Zwischenzeit war meine erste 31-Ton-E-Gitarre fertig. Georg besitzt zwei Clavinete und einen digitalen, stimmbaren Synthesizer. Diese drei Instrumente wurden in einer Mischung aus reiner und 31-töniger Stimmung gestimmt. Mit Georgs Komposition Dsilton, welche wir mit diesem Instrumentarium einstudierten, war der Startschuss für unser Duo, das später mit Konstantin Kräutler zu einem Trio werden sollte, geboten.

Die 31-Ton-E-Gitarre gleicht einer gewöhnlichen Halbresonanz-E-Gitarre mit einer 648 mm Mensur mit zwei P-90 Tonabnehmern. Das Griffbrett jedoch ist übersät mit Bünden in enger Anordnung. Wo normalerweise der zwölfte Bund wäre, ist nun der einunddreißigste. 45 Bünde fanden Platz auf dem Griffbrett. Der verbleibende Raum wurde bundlos gelassen.

Ich habe bis jetzt nicht das Gefühl, mich auf diesem Instrument so mühelos zurechtzufinden, wie ich es auf einer zwölftönigen Gitarre täte. Aber Monate der Übung ergaben ein brauchbares Ergebnis. Nachdem ich einige Skalen und mir bekannte Stücke ausprobiert hatte, war es Zeit die 31-tönige Stimmung zu erforschen. Ich fokussierte mich zunächst auf unübliche Intervalle wie neutrale Terzen und Sexten, sowie die beinahe reine große Terz (5:4), Natur-Septime (7:4) und die beiden Tritoni 7:5 und 10:7. Eine Sammlung von Akkorden, Pentatoniken, Hexatoniken, Skalen und vieltönigen Tonleitern entstand. Jene, sowie ein paar gitarristische Motive fügten sich langsam, wie von selbst zu einem Stück. Jedoch: Wie sollte ich es notieren?


Notation der 31-Ton gleichstufigen Stimmung

Es gibt eine gängige Notationsmöglichkeit für 31-tönige Stimmung, bei der die Enharmonik einfach aufgelöst wird. Kreuze, Doppelkreuze, b- und Doppel-b-Vorzeichen haben keine enharmonische Entsprechung mehr, sondern bezeichnen festgelegte Tonhöhen. So wird der Ganzton zwischen C und D folgendermaßen aufgeüfllt: C, Dbb, C#, Db, Cx, D. Ist ein zwölftöniges Stück enharmonisch korrekt notiert, so erklingt es in 31-Ton-Stimmung in einer der Viertelkomma-Stimmung ähnlichen Temperierung. Die Natur-Septime von C wäre als A# notiert, was einer übermäßigen Sext entspricht.

Mir war es wichtig, Intervalle so zu notieren wie ich sie höre. Um dies zu erreichen, musste uneingeschränktes enharmonisches Verwechseln möglich sein. Da dies mit den gängigen Vorzeichen nicht möglich war, musste ich neue hinzufügen. Weil das Notenbild meiner Stücke ohnehin schon komplex war, wollte ich es nicht noch abschreckender durch neuartige Vorzeichen machen. Stattdessen entschied ich die geläufigen Vorzeichen der Vierteltonstimmung umzudeuten.

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Ich kategorisierte die Intervalle folgendermaßen:

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Finkostar

Ich hatte zu dieser Zeit eine Schülerin griechischer Herkunft, die den Sinn der deutschen Kinderliedertexte, die sie singen wollte, nicht verstand. So kam es, dass sie in einer unserer Gitarrenstunden besonders schief die Zeile: „Ansel, Drossel Finkostar!“ aus dem bekannten Lied Alle Vöglein Sind Schon Da mit schmerzlicher Überzeugung sang. Die kreativen Wortkreationen, verbunden mit den verschluckten Achtelnoten, zeichneten ein unvermeidbares Lächeln auf meine Lippen. Als ich das Anfangsmotiv des Gitarrenstücks schrieb, welches auf unvollendeten N-Tolen und verminderten Sekunden basiert, musste ich, aufgrund des dissonanten, verspielten Charakters des Motivs, an diese Situation denken. So ist der Name „Finkostar“ entstanden.

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Das harmonische Konzept war lediglich, die in der 31-Ton Stimmung einzigartigen Intervalle zu thematisieren, sowie sehr gitarrenspezifische Akkorde, welche Leerseiten beinhalten, auszukosten. Gestimmt wird die 31-Ton-Gitarre in temperierten Quarten: E A d g c' f' (A = 110 Hz) (d : A = 503.2258 12ETc). Diese Stimmung schien mir vorerst am sinnvollsten, da ich auch meine 12-tönigen Gitarren immer in Quarten stimme. Auf der achtseitigen Konzertgitarre, welche eine längere Mensur hat, erkannte ich erst die Vorzüge der Großen-Terz-Stimmung in 31-Ton gleichstufiger Stimmung. Aufgrund der vielen komplexen Akkorde habe ich die Gitarrennoten um Tabulatur ergänzt. Die Rohfassung des Themas war eine Akkordfolge mit rhythmischem Raster, die improvisiert interpretiert wurde. Nach und nach kristallisierte sich beim Durchspielen eine Melodie heraus. Es war ein sehr intuitiver und folglich auch relativ langer Kompositionsprozess. Das neue, unerforschte tonale System versetzte mich zurück in die Zeit, als ich von harmonischen Zusammenhängen noch nicht viel wusste und auf meiner Gitarre Klänge, die mich begeisterten suchte -eine erfrischende Erfahrung!

Rhythmisch beschloss ich das Stück einigermaßen simpel, jedoch konkret zu halten. Der Großteil des Stücks ist quintolisch und triolisch phrasiert. Es kommen einige rhythmische Modulationen vor, welche ich mithilfe n-tolischer Taktarten notierte. Diese beschränken sich jedoch auf zwei Tempi Viertel = 82bpm und Sechstel = 123 bpm. Das Stück war ursprünglich für Sologitarre mit Loop-Station gedacht. Da mir aufgefallen ist, dass das resultierende Tempo nach der Modulation von Viertel auf Sechstel 123 bpm war, beschloss ich einen Teil zu schreiben, dessen rhythmische Struktur auf aufsteigenden natürlichen Zahlen basiert. Das übertrug ich zunächst auf die Taktarten: 11/6, 12/6, 13/6, 14/6, 15/6 und 16/6; und dann auf die Melodie, die sich über diese Takte erstreckt. Die erste Phrase der Melodie hat zwei Strukturmitglieder, die zweite drei, die dritte vier usw., und jede Phrase ist in einer anderen Subdivision. Diese lange, komplexe Melodie sollte auf Loop-eins aufgenommen werden. Im folgenden Zyklus sollte ein Overdub mit einer zweiten Stimme zur Melodie aufgenommen werden. Im dritten Zyklus sollten die Akkorde dazu gespielt werden, welche auf Loop-zwei aufgenommen werden, und ab dem vierten Zyklus ist ein Gitarrensolo über diese Akkorde, bei abgeschaltetem Loop-eins gedacht. Am Ende des Gitarrensolos wird Loop-eins wieder dazugeschalten und eine dritte Stimme über die Melodie improvisiert. Beide Loops verschwinden in einem Fadeout. Dem folgt ein ruhiger Teil, dessen Puls aufgrund komplexer n-tolischer Überlagerungen schwer auszumachen ist. Dieser führt zurück zum Anfangsthema, welches in einer hitzigen Variation interpretiert wird.

Als ich das Stück für 31-Ton Trio arrangierte, fiel mir auf, dass das Thema und der ruhige Teil wie aus einem Guss klingen, jedoch der komplexe Zwischenteil mit den längerwerdenden Phrasen, trotz sehr ähnlicher harmonischer Strukturen, beinahe wie ein anderes Stück klingt. Ich beschloss also, ihn wegzulassen. Ich wollte das Schlagzeug sehr solistisch, jedoch verschmolzen mit der Bassstimme haben. Um dieser Vorstellung mehr Gesicht zu verleihen, habe ich das Schlagzeug großteils ausnotiert. Die Notation war eher als Inspirationsquelle gedacht, denn als eine Aufforderung exakt dies zu spielen, wenngleich mich eine exakte Exekution des Notierten natürlich zufrieden stellen würde. Ein umgestimmter Synthesizer ergänzt das Klangbild als Bass-, Melodie- und Soloinstrument.

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